sciere/cognoscere

Es gibt viele Helme, auch Maschinengewehre sind zahlreich ausgestellt, Haubitzen stehen auf dem Hof und vor dem Museum, in den Räumen findet man Munition, Handfeuerwaffen oder auch Granatwerfer, selbst kleine Raketen stehen im und eine dazugehörige Abschussvorrichtung auf dem Lastwagen vor dem ehemaligen kleinen Schloss der Stadt. Auf allen Karpatenpässen wurde hart und bisweilen erbittert gekämpft, zurück geblieben ist Vieles.
Man kennt es, hat alles irgendwo in den Büchern bereits gelesen, man sah die Filme und weiß genau, wie das aussieht, wenn das Geschützrohr der Artillerie durch den Rückstoß des Schusses nach hinten jagt, sieht sogar Schauspieler einen Sprung nach hinten machen, sieht wie und versteht warum sie in Deckung gehen.
Und nun steht man an den Haubitzen, den Kanonen selbst und es erscheint alles selbstverständlich und banal; zwar spektakulär, nicht alltäglich, jedoch dennoch selbstverständlich. Kinder lassen sich auf den Panzern und Geschützen fotografieren.
Im Museum ist man an diesem Tag minutenlang allein in den Ausstellungsräumen, es gibt kaum andere Besucher. Es gibt auch keine Aufseher, viele Exponate stehen und liegen frei und ungesichert. Man könnte problemlos eines der Maschinengewehre in einem der Räume abbauen und in einem anderen wieder aufbauen, man kann Hebel umlegen, den Abzug fassen; man kann es auch bloß als abstrakte Kunst begreifen, man muss überhaupt nichts begreifen, man könnte sogar anvisieren und zielen mit den siebzig, achtzig, neunzig Jahre alten Waffen und es bliebe nicht mehr als ein Spiel.

Bei den Helmen ist es anders. Es gibt viele Helme. In manchen Vitrinen, die eigentlich auf dem Boden stehende Glaskisten sind, stapeln sie sich kniehoch, in der Menge und Masse verliert sich die Gestalt, werden sie zu Schüsseln, zu schwarzen Schüsseln, zu unzähligen schwarzen Schüsseln. Der Verstand meldet sich plötzlich, erklärt, dass zu jeder Schüssel ein Mensch gehöre, aber das kann kaum sein, denn von Menschen ist hier nichts zu sehen, es liegen ja nur diese schwarzen Schüsseln – ohne Menschen – in den Vitrinen, würde beides miteinander irgendwie verbunden sein, lägen diese Schüsseln ja nicht allein.

Wenn man einzelne Wörter beständig wiederholt und hinterfragt, lösen sie sich als Sinneinheit plötzlich auf, man würde nichts mehr darauf verwetten, dass es sich um ein Wort der bereits als Kleinkind erlernten Sprache handelt, das man vor Jahrzehnten gelernt und seither beständig gebraucht hat, auf einmal klingt es wie eine eigene, launenhafte Erfindung aus beliebig zusammengesetzten Buchstaben: Je öfter man es wiederholt, umso unwirklicher, unmöglicher wird es, und so werden auch die Helme in ihrer Unzahl zu schwarzen Behältern, Gefäßen, zu nichts anderem als schwarzen Schüsseln; und selbst das erscheint noch zweifelhaft.
Überhaupt: Schüsseln. Schüsseln, das klingt fast wie Schüsse. Schüssel, Schüsseln, dieses Wort kann doch kaum existieren, oder leitet es sich etwa vom Schuss, vom Schießen ab? Der Schuss, die Schüssel, des Schusses, den Schüsseln, die Schüsse, die Schüssel, dieses Wort, diese Wörter kann es einfach nicht geben!
Dennoch: Unmengen an schwarzen Töpfen, nicht einmal Töpfen, denn Töpfe sind es auch nicht – überhaupt, Topf, was ein Wort! –, es sind gewölbte Metallstücke, nicht gegossen, sondern gebogen, vielleicht doch Schüsseln, die auf- und nebeneinander liegen wie im Moment nicht benötigtes Essgeschirr; vielleicht aus der Feldküche, man weiß es nicht, weil man nichts mehr weiß. Aber es gibt sie zu zahlreich, der Verstand hofft darauf und pocht darauf, bleibt stur und beharrt: Zu jeder Schüssel, erklärt er beharrlich, gehört ein Mensch.
Aber, wendet man ein, wo ist dann der Mensch?

Manche dieser schwarzen Schüsseln besitzen große Löcher mit merkwürdigen, abstrakten Formen, wie verwittert, als wenn sie über Monate – wenn nicht Jahre – in oder auf der Erde gelegen hätten, und an der Unterseite – dort wo das Wasser (die Suppe in den Schüsseln) sich nach jedem Regenguss sammelte – rosteten sie und über Monate und Jahre entstanden Löcher wie manche Stausee-Silhouette aus großer Höhe betrachtet aussieht: Mal länglich, mal sternförmig, aber immer mit gezacktem, unregelmäßigem Rand; die Kanten scharf, fast wie Sägeblätter. Man kann sich nicht erklären, wie diese Löcher entstanden sind, aber man kennt die Metallpfeiler oder Stahlwände, die – etwa als Wellenbrecher – im Meer stehen, und deren Kanten von Wind, Wasser und Salz ebenso abgeschliffen und abgenagt werden; und so erscheint eine Erklärung, die von der Verwitterung der schwarzen Schüsseln ausgeht, am plausibelsten, und man ist froh, dass man diese Erklärung gefunden hat. Sie ist einfach und liegt auf der Hand, vor allem: Es sind ja nur schwarze Schüsseln!
Dann gibt es andere Beschädigungen, Deformationen, die jedoch immer noch nichts bedeuten müssen, harmlos sein können. Küchengeschirr ohne Dellen und Beulen, das heißt: nie benutzt.
Dann kleine, runde Löcher, keine messerscharfe Kante mehr, dafür erbsengroß und rund. Dann eine zweite Schüssel mit zwei Löchern: Auf der rechten Seite wieder ein rundes, kleines, erbsengroßes, tief liegendes Loch. Das zweite, auf der linken Seite, ist nicht viel größer, aber es liegt höher und ist nicht mehr gleichmäßig rund, sondern sieht aus wie auf wenig breiterer Fläche aufgedrückt, wie nach außen aufgeplatzt: Der Austritt, ein Durchschuss, es ist mehr als wahrscheinlich, dass er das nicht überlebt haben wird, und plötzlich hat man den Menschen gefunden.