Armeen

Es ist Winter, vor den Fenstern Schnee auf Bäumen und Straßen, weswegen man jeden Versuch unversucht gelassen hat, aus dem Haus zu gehen. Und so liegt man noch im Bett unter der Decke, die man sonst längst verlassen hätte, und sieht, was man sonst nie gesehen hätte: Auf der weißen Stoffdecke, auf dem Deckengebirge, einem langen Bergrücken mit breitem Grat, ziehen zwei Armeen aufeinander zu. Die weiße Decke, das heißt Schnee, natürlich, es liegt ja Schnee, innen wie außen.
Die Armeen halten, Infanterie, an der Spitze jeweils drei Reiter, jeweils zwei von ihnen mit Fahnen, und auf beiden Seiten wehen sowohl ein schwarzer und ein weißer Banner, direkt vor meinen Augen und doch winzig klein. Und ich liege verwirrt, kann mir nicht erklären, warum zwei Armeen dieselben Banner und Fahnen tragen, doch nun hört man Trompeten. Man schweigt, sieht zu, die Schlacht scheint zu beginnen, alles stürmt, schon scheinen erste, kleine Soldaten zu liegen, erste Flecken Schnee verfärben sich rot. Von rechts kommt nun Verstärkung: Türme, Holztürme, rollende kleine Festungen, Holzgerüste, Holzwände, oben und an der Seite Tuch: Die rechten scheinen nun überlegen, jedoch schon in dem Moment, da man diese Einschätzung getroffen hat, kommt auch der linken Armee von linker Seite Verstärkung zu, wenn es auch keine Türme sind: Kleine Arme heben Bögen, schießen Pfeile, die brennen, und so fangen die Türme nun Feuer, so schlagen anfangs noch winzige Flammen an den Holzgerüsten empor, und wie die Türme so brennt nun auch der Schnee, denn natürlich ist das kein echter Schnee, das ist doch meine verdammte Decke, und die Flamme breitet sich schnell kreisförmig aus, und das Bett, der Vorhang vor dem Fenster vor dem echten Schnee: alles brennt. Und ich springe aus dem Bett, aus dem Zimmer, greife mir Hose und Hemd, reiße die Türe auf und stürze aus dem Haus, just bevor der nun schlagartig ins Haus strömende Sauerstoff hinter mir eine Explosion verursacht, in der die Fenster bersten, Stichflammen aus jeder Öffnung des Hauses schlagen und schon stürzt das Dach langsam, von der Mitte ausgehend, ein.

Ich wohne auf dem Land, mein Haus steht – stand! – frei, daneben als einzige Begleitung eine große Kastanie, die Auffahrt ist eine Pappelallee. Ich wende mich Richtung Stadt, wenn ich schnell bin, sind das zwei Stunden zu Fuß, gehe also die Auffahrt durch die Bäume hinauf auf die Felder zu, sehe vor mir die Hügel, in denen ich einst wohnte, und sie sind weiß, denn es liegt ja Schnee. Und ich kann bereits erkennen, dass dort, auf den Hügeln, zwei Armeen aufeinander zu ziehen: Dutzende, wenn nicht hunderte Fußsoldaten, an der Spitze jeweils drei Reiter, jeweils zwei von ihnen mit Fahnen, und auf beiden Seiten wehen sowohl ein schwarzer und ein weißer Banner. Sie halten nicht, sie reden nicht, die Schlacht beginnt, und links von mir, rechts von mir, schlagen schlecht gezielte, brennende Pfeile ein. Wirklich äußerst schlecht gezielte Pfeile, wenn man bedenkt, wo ich stehe. Oder zielt man gar auf mich?